Dichter Nebel verhüllt Island, bis wir in den Fjord vor Seyisfjördur einfahren. Ab dort jagt ein phantastischer Blick den nächsten, während das Schiff langsam in Richtung Hafen gleitet. Die teilweise schneebedeckten Felsformationen haben etwas Majestätisches, aber auch etwas Einschüchterndes, nach dem Motto: Leg dich mit dieser Natur nicht an, sie ist stärker als du.
Der Hafen selbst ist eher klein, ein großes Kreuzfahrtschiff ankert sogar etwas vorgelagert und transportiert seine Passagiere mit kleinen Booten an Land. Wir können ganz normal am Pier das Schiff über die Gangway verlassen und uns nach einem letzten Blick auf unser Domizil der letzten drei Nächte in Richtung Weiterfahrt orientieren.
An Bord war über den öffentlichen Nahverkehr in Island nichts in Erfahrung zu bringen. Am Hafen finden wir in einem Café einen Infopoint mit Papierplänen, auf dem immerhin eine Bushaltestelle dort eingezeichnet ist, wo mich meine Vorab-Recherchen schon hingeführt hatten. Ob da heute ein Bus in Richtung Flughafen Egilsstadir und von dort weiter nach Akureyri und Reykjavik fährt, wagt der Mitarbeiter nicht endgültig zu bestätigen, und so bleibt uns und ein paar Mitreisenden nur die Hoffnung. Ich bin jedenfalls „relativ sicher“, dass an Tagen, an denen Smyril Line morgens anlegt, auch ein Bus fährt, aber …
Die Zuversicht siegt: Pünktlich um 10:14 Uhr fährt ein Kleinbus vor, der die erste Etappe übernimmt und den Umstieg zur Weiterfahrt „auf dem Schirm“ hat. Super! Bis Egilsstadir dauert die Fahrt nur 30 Minuten. Dort steigen wir auf einem ziemlich unscheinbaren Parkplatz aus, zusammen mit einem weiteren Mitpassagier von der Fähre, der ebenfalls das Ziel Reykjavik hat — da sind wir doch schon mal zu dritt …
Die knapp eineinhalb Stunden bis zur Weiterfahrt nutzen wir, um im örtlichen Supermarkt Wasser nachzukaufen und uns dann im Café an der minimalistisch originellen Haltestelle ein Guinness mit Kaffee und Kuchen zu gönnen. Der zweite Bus des Tages kommt ebenso pünktlich wie der erste, ist nur leider nicht ganz so komfortabel, was Sitze und Fahrverhalten angeht, die Federung ist etwas „wübbelig“.
Der Bus ist uns aber sowieso schon bald ziemlich egal, denn die Fahrt entwickelt sich zur Sightseeing-Tour durch eine Landschaft, die in jeder Beziehung spektakulär ist: faszinierend, dramatisch, überwältigend, einzigartig, gelegentlich nahezu beängstigend, brutal abweisend und einsam. Lieblich ist hier wirklich gar nichts, romantisch auch nicht, majestätisch fällt mir irgendwie immer wieder ein; in jedem Fall wird klar, dass Landschaft und Klima hier das Leben bestimmen. Hin und wieder ein Gehöft, ab und zu ein touristischer Anlaufpunkt wie ein Vulkanfeld, dann wieder kilometerweit schroffe erstarrte Lavafelder … zu gucken gibt es reichlich, zu fotografieren auch!
Vor Akureyri geht es durch einen langen Tunnel, bevor sich ein grandioser Blick auf den Ort am Eyjafjördur öffnet. In Akureyri heißt es wieder umsteigen, diesmal in einen großen Reisebus, in dem man es sich recht bequem machen kann und der auch Lademöglichkeiten fürs Handy bietet. Wirklich günstig ist die Tour mit Straetó übrigens nicht, mit ca. 160 Euro pro Person in etwa gleichauf mit einem Inlandsflug, aber doch um einiges günstiger als ein Mietwagen von A nach B. Außerdem muss so keiner von uns fahren, wir können beide den Ausblick genießen und das Land im Gegensatz zum Flug wirklich erfahren.
Hinter Akureyri weitet sich die Landschaft, es sind deutlich mehr Höfe zu entdecken. Erstmals sehen wir hier auch Islandpferde, die in kleinen Gruppen oder größeren Herden auf den kargen Wiesen weiden. In den Pausen pfeift uns der Wind ganz ordentlich um die Ohren, der Frühling ist auf der Insel noch nicht so recht angekommen.
Ich denke auf der Fahrt öfter an die zwei Radfahrer aus der Schweiz, aber auch an ein deutsches Ehepaar (etwas älter als wir), das uns von seinem Plan erzählt hat, vier Wochen das Land zu erkunden — nicht etwa mit dem Wohnmobil oder bequemer Rundtour mit Hotels, sondern mit kleinem Mietwagen und kompletter Campingausrüstung mit Zelt und allem Drum und Dran. Dagegen sind wir irgendwie ja extrem kommod unterwegs. Die Vorstellung, mit öffentlichem Nahverkehr zu reisen, wird von manchen allerdings als mindestens genauso „gewagt“ wahrgenommen wie das wilde Campen oder Radeln ...
Weiter Richtung Westen erinnert die Landschaft gelegentlich an die schottischen Highlands, wenn auch die Dimensionen hier um ein Vielfaches größer ausfallen — bei allem außer der Bevölkerungsdichte, die zu den niedrigsten weltweit gehört. Mit Pausen an diversen Rasthöfen und den sagenhaften Ausblicken vergeht die Zeit wie im Fluge. Zum Abschluss ergibt sich noch ein nettes Quartett mit einem Engländer, der schon seit Dänemark mit uns unterwegs ist und wie wir flugzeugloses Reisen anstrebt, und einem „zugereisten“ Isländer aus Akureyri. Zu viert werden wir am Rande von Reykjavik direkt an einer Autobahn „ausgesetzt“ und rätseln erstmal, wie es denn jetzt Richtung Zentrum weitergeht. 20 Minuten Wartezeit bei fast noch Tageslicht um 23 Uhr sind letztlich ok, und zur immer noch hellen Mitternacht haben wir das Zimmer im Hotel Local 101 bezogen.




























































