Auch der Zephyr schaukelt uns gut durch die Nacht bzw. in den Schlaf, obwohl es sich zwischendurch mal so anfühlt, als rumpelten wir jenseits der Gleise durch eine wilde Landschaft. Ich bin wieder pünktlich zur Dämmerung wach und genieße den Blick auf die vorbeiziehenden Weiten. Nebraska haben wir in der Nacht durchquert, jetzt sind wir in Colorado. Riesige Weiden erstrecken sich so weit das Auge reicht, dazwischen ab und an Farmhäuser, die eine oder andere Siedlung, ansonsten Rinderherden mit jeder Menge Platz. 

Nach und nach tauchen erste Ausläufer der Rocky Mountains am Horizont auf, wir nähern uns Denver, wo ein großer Passagierwechsel angekündigt wird. Wir nutzen die Zeit im Bahnhof für das Frühstück und kommen dank des weiterhin praktizierten Community Seating mit einem Ehepaar aus Virginia ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass die Frau aus Schottland stammt, in der Schule etwas Deutsch gelernt hat und seit 30 Jahren in den USA lebt — die Welt ist halt klein. 

Der Amtrak Zephyr zieht übrigens immer wieder Trainspotter an, die zum Teil mit professioneller Ausrüstung auf seine Durchfahrt warten, oder mit Kindern im Auto stehen bleiben und winken — schon erstaunlich, denn immerhin ist es zumindest in dieser Jahreszeit eine tägliche Verbindung. 

Hinter Denver geht es direkt rein in die Rockies … und der Zugführer droht schon mal vorsorglich mit Zwangsräumung des Panoramadecks, falls die Leute dort Anstalten machen, ihre Plätze dauerzubesetzen … Hm, wir verspüren wenig Lust, uns mit den Mitreisenden anzulegen oder darauf zu warten, bei einem „Schichtwechsel“ ein Plätzchen zu ergattern. Außerdem ist der Blick aus unserer Kabine zwar einseitig, aber dennoch spektakulär (und Protipp: Im Untergeschoss kann man sich zwischen den Türen positionieren und so zu beiden Seiten rausgucken …).

Der Zug schlängelt sich gefühlt recht zügig in die Berge, schon bald erreichen wir Gebiete, in denen noch Schnee liegt. Nach einem langen Tunnel halten wir im Fraser Winter Park, der „New Ice Box“ in den Rockies. Bei ca. 5 Grad fällt es leicht, sich nur kurz die Beine zu vertreten und dann wieder in den Zug zu springen. Die Angler im Fraser River stören die Temperaturen aber offensichtlich nicht. 

Am Fluss spielt sich im weiteren Verlauf auch touristisch einiges ab, wir sehen schon jetzt in der Vorsaison etliche Rafting-Boote und Ferienlodges. Ein entgegenkommender Güterzug bringt es auf sage und schreibe 94 Waggons und 6 Loks — Wahnsinn! In Glenwood Springs gibt es einen kurzen Halt zum Luftschnappen. Der Ort ist eine Art Resort mit einem Vergnügungspark hoch oben auf den Felsen über dem Ort. Riesenrad und Achterbahn extrem!

Zur Lunchtime könnten wir im Dinnerwagen eine weitere warme Mahlzeit zu uns nehmen, aber wir verzichten angesichts des doch eher bewegungsarmen Tages darauf und gönnen uns zur Kaffeezeit einen Keks und ein paar Nüsse bzw. ein kleines Müsli mit den Zutaten, die wir in Chicago besorgt hatten. 

Die Gebirgsformationen werden derweil immer krasser, zum Teil sind sie fast skulpturenhaft, als hätte ein Riese Hand angelegt. Der Colorado River begleitet uns heute den ganzen Tag und fasziniert mit seinem vielfältigen Gesicht. Endgültig bizarr wird die Landschaft ab Green River in Utah, wo es teils so aussieht, als hätte es Steinblöcke geregnet, die an den Hängen liegen geblieben sind. Drum herum Wüste oder äußerst karge Weiden. 

Beim Abendessen ergibt sich wieder ein nettes Tischgespräch, diesmal mit zwei jungen Leuten aus Kalifornien, die noch nie in Europa waren und an unseren Eindrücken von ihrem Land sehr interessiert sind. Nach einem Tag überwältigender visueller Eindrücke sind wir erstaunlich bettschwer und lassen uns in die Nacht reinschaukeln.