Von der Stundenzahl her fällt die Nacht zwar etwas kürzer aus als gewohnt, aber der Schlaf war erstaunlich tief und erholsam, bei mir nicht zuletzt auch wegen der Schlafmaske, die für ruhige Augenatmosphäre sorgt. Dennoch bin ich zum Sonnenaufgang wach und genieße den Blick auf die sich wandelnde Landschaft, vorbei am Eriesee und hin zu einer stärker von Industrie geprägten Region zwischen Cleveland und Chicago. 

Wir passieren den Nationalpark Indiana Dunes und rollen mit einer guten halben Stunde Verspätung in die Union Station ein, der Fahrer hat tatsächlich ein bisschen aufgeholt. Auf dem Ankunftsgleis ist es wie üblich laut, dunkel und ungemütlich — hier soll man sich ja auch nicht lange aufhalten. Der Bahnhof dagegen imponiert mit seiner riesigen, edel gestalteten Halle. 

Da wir heute noch weiterfahren, reicht die Zeit nur für einen Spaziergang Richtung Lake Michigan durch die beeindruckende Hochhaus-Landschaft. Die Atmosphäre in der Stadt ist dadurch doch eine ganz andere, als wir sie kennen, es schallt aus allen Richtungen, auch wenn wegen des Wochenendes die Menschen fehlen, die in den Türmen arbeiten. 

Allerdings ist die Stadt gleich aus mindestens drei anderen Gründen voll: Zum einen kommen uns Läufer entgegen, die an einem Lauf für Veteranen teilgenommen haben, dann stoßen wir auf Straßensperrungen für die anstehende Parade zum Memorial Day, und Richtung See stehen in allen Straßen Tausende an für den Zugang zu einem Festival. Die Parade bekommen wir auf dem Rückweg zum Bahnhof tatsächlich zu sehen, mit Marching Band und allem Drum und Dran. 

Mit unseren Sleeper-Tickets haben wir Zugang zur Amtrak Metropolitan Lounge, wo es gratis Getränke und kleine Snacks gibt — Ersteres nehmen wir gerne an, Letzteres brauchen wir nicht, da wir in einem Geschäft geistesgegenwärtig Müsli, eine Nuss-Trockenfrüchte-Mischung und Schokolade erworben haben. Heinz mischt sich ein kleines Kaffeemüsli, ich knabbere Nüsse zum Kaffee, passt! Wie am Flughafen gibt es einen Aufruf zum Boarding, für das an einem Gate gewartet wird, bevor es wieder gefühlt in die dunkle Bahnhofs-Unterwelt geht. 

Der California Zephyr ist tatsächlich der größte Zug, den ich je gesehen habe, jeder Waggon ein Haus auf Rädern. Der Zug führt einen Loungewagen mit Panoramafenstern mit, natürlich einen Dining Car und 20 Waggons mit Plätzen in 4 Kategorien. Wir haben diesmal eine Roomette ohne Toilette und Waschgelegenheit. Das kleine Abteil ist aber sehr durchdacht gestaltet, sodass wir alles ganz gut unterbringen. Wieder stellt sich eine zuständige Zugbegleiterin persönlich vor und erklärt das Prozedere. Insgesamt ist die Ausstattung hier neuer und großzügiger gestaltet als im Lake Shore Limited von Boston nach Chicago. 

Was uns erneut auffällt: Nur am Lounge-Schalter wurde ein kurzer Blick auf unser ausgedrucktes pdf-Ticket geworfen, eine ID wurde nicht verlangt. Irgendwie schon seltsam, bei allen Sicherheitsmaßnahmen, die sonst so wichtig genommen werden. Oh, und WLAN gibt es in diesem Zug ebensowenig wie im vorangegangenen, was ein Zugbegleiter in bester deutscher Manier kommentiert: „You wouldn‘t believe this was 2024 …“

Der Zug setzt sich pünktlich in Bewegung und rollt gen Westen, zunächst durch weite Ebenen im Wechsel mit Landschaften, die doch irgendwie europäisch anmuten. Immer wieder ertönt bei der Durchfahrt von Ortschaften das markante Horn — man kommt sich vor wie im Film. Bei Burlington überqueren wir den Mississippi, der eindeutig als Strom zu bezeichnen ist. Unser Abendessen nehmen wir auf der Fahrt durch Iowa ein, wo in Ottumwa eine große Gruppe Amish People aussteigt — irgendwie wieder so eine Situation „wie im Film“.

Die Platzierung und Bedienung erfolgt nach strengen Regeln, es gilt „Community seating“, das heißt, weniger als 4 Leute werden zusammen mit anderen Gästen gesetzt. Heute gibt es Besteck aus Metall, aber immer noch Plastikgeschirr, auf dem Essen serviert wird, das frisch in der Küche unter dem Speiseabteil zubereitet wird. Überhaupt ist in den Schlafwagen fast alles, was mit Passagieren zu tun hat, oben angesiedelt, sodass man auch oben von einem zum anderen Waggon geht. 

Die Auswahl ist wieder so, dass für verschiedene Geschmäcker was dabei ist, wir landen bei Pasta bzw. Lachs mit Gemüse, zum Dessert Schokokuchen und Käsekuchen. Mal wieder ein bisschen zu satt geworden, aber es hat halt gut geschmeckt. Mit einem Kaffee to go entlässt uns der Kellner in den Abend, während zackig die Tische neu besetzt werden. Schon ein Knochenjob bei fahrendem Zug. 

Ein Sonnenuntergang rundet den Tag mal wieder ab, bevor wir die Betten machen lassen — leider ist hier festzustellen, dass das obere Bett eher ein Notbett ist, ohne Fenster oder Steckdose, aber mit ein bisschen Arrangement kriegen wir das hin.